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Von genetischen Punktmutationen zum ökologischen Handabdruck

Dr. Barbara Leube wurde für ihr Wahlfach „Nachhaltigkeit in der Medizin“ mit dem Greeny Award ausgezeichnet.

Portraitfoto von Dr. Barbara Leube. Zoom

Wie sind Nachhaltigkeit und Medizin miteinander verknüpft? Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Gesundheit von Patient:innen aus? Dr. Barbara Leube vom Institut für Humangenetik unterrichtet das Wahlfach „Nachhaltigkeit in der Medizin“, das sich mit diesen Fragen beschäftigt und vielfältige Einblicke sowie Orientierung in dem Themenfeld bietet. Für ihr Wahlfach wurde sie beim vergangenen Green-Teams-Netzwerk-Treffen mit dem zweiten Platz beim Greeny Award ausgezeichnet. Das Green Teams Netzwerk verbindet Organisationen und Gruppen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, und vergibt den Greeny Award an besonders inspirierende Projekte. Wir haben mit Dr. Barbara Leube über ihr Wahlfach sowie dessen Inhalte gesprochen und sie gefragt, welche Rolle das Thema Nachhaltigkeit für sie spielt.

Was sind die Inhalte Ihres Wahlfachs „Nachhaltigkeit in der Medizin“? 

Dr. Barbara Leube: Es geht um Planetary Health, also unter anderem darum, wie Klimawandel und Gesundheit verknüpft sind. Das Thema Klimawandel ist für uns alle höchst relevant und wird uns in den kommenden Jahrzehnten noch stärker beschäftigen. Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die Gesundheit, welche Erkrankungen werden dadurch beispielsweise verschlimmert? Zu den Folgen in unseren Breitengraden zählen unter anderem Hitzschlag, Austrocknung und akute oder chronische Nierenschäden durch extreme Hitze. Allergisches Asthma wird sich durch eine verlängerte und stärker allergene Pollensaison häufen. Auch werden vektorübertragene Erkrankungen wie Borreliose und andere Infektionen, die durch Mücken und Zecken übertragen werden, zunehmen. 

Welchen Einfluss hat wiederum das Gesundheitssystem auf den Klimawandel? Mit welchen so genannten Co-Benefits können wir den Klimawandel abschwächen und haben gleichzeitig Vorteile für die Gesundheit? Das Seminar soll in diesem Riesenfeld eine Orientierung bieten. Als praktische Übung machen wir dazu im Wahlfach unter anderem ein Klimapuzzle und führen den Workshop „The Week“ durch. 

Was ist das Klimapuzzle? 

Das Klimapuzzle beruht auf Grafiken des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen, kurz Weltklimarat, und verdeutlicht, wie stark alles miteinander vernetzt ist. Wenn das Eis in der Arktis und der Antarktis schmilzt, wird die Rückstrahlung der Sonnenenergie schwächer und die Erde heizt sich auf. Dieser Effekt verstärkt sich zudem, wenn die Permafrost-Böden auftauen und dadurch Methan freisetzen. Das Klimapuzzle stellt diese vielfältigen Schleifen verkürzt dar und macht sie für die Studierenden anschaulich. Die Übung verdeutlicht ihnen diese enorme Verflechtung. Man kann das Klimapuzzle nicht nur auf eine Weise legen, deswegen sieht es jedes Mal am Ende anders aus. 

Beinhaltet das Wahlfach auch konkrete Empfehlungen für praktisches Handeln?

Es gibt beispielsweise eine Einheit zu Mikroplastik und klimasensibler Gesundheitsberatung. Ich versuche zu vermitteln, wie man das Thema in die tägliche Interaktion als Ärztin oder Arzt mit Patient:innen einfließen lassen kann. Thomas Hajduk, Leiter der Stabsstelle Nachhaltigkeit am Universitätsklinikum Düsseldorf, ist ebenfalls an dem Wahlfach beteiligt und bespricht mit den Studierenden, welche Rolle Mediziner:innen in gemeinsamen Projekten spielen können. 

Ein wichtiges Thema ist zudem Psychologie im Umweltschutz. Wieso versuchen wir nicht alles Menschenmögliche, um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen? Wir verdrängen dieses Thema gerne. Der Klimawandel ist eines der größten Themen, mit denen sich die Menschheit je befassen musste. Wir schieben es gerne von uns weg und lassen es im Alltag außen vor. Wie kann ich das empfinden und ins Handeln kommen? Das ist ein Teil meines Kurses. 

Wie sind Sie darauf gekommen, ein Wahlfach zum Thema Nachhaltigkeit zu unterrichten? 

Das Thema Nachhaltigkeit spielt in meinem Leben eine große Rolle. Und das verbindet sich mit allem. Die folgende Analogie habe ich einmal in einer Zeitschrift gelesen: Mit dem Klimawandel ist es wie mit einem Ozeandampfer, der den Eisbergen entgegen schippert. An Bord gibt es viele Probleme – die Besatzung des Maschinenraums ist unterbezahlt, das Essen schmeckt miserabel und die Bordkapelle spielt geschmacklose Musik. Alles Dinge, die geändert werden sollten. Aber wenn das Schiff untergeht, ist das alles belanglos. Es gilt zu verhindern, dass das Schiff untergeht.

Man beginnt ja typischerweise bei sich selbst. Und dann realisiert man: Das reicht nicht. Ich beschäftige mich mit meinem eigenen ökologischen Fußabdruck, möchte aber auch anderen ermöglichen, mit ihrem Fußabdruck konstruktiv umzugehen und idealerweise gemeinsam Strukturen zu ändern. Dies wird als der ökologische Handabdruck bezeichnet. Das finde ich sehr schön, denn mit den Händen können wir unsere Umgebung gestalten. Man schaut, was man machen kann, damit auch andere die Möglichkeit haben, nachhaltiger zu leben. Daher war es für mich naheliegend, dies mit der Medizin zu verknüpfen. 

Was hat Sie dazu bewogen, im Feld Humangenetik zu arbeiten?

Eigentlich gibt es auf diese Frage zwei Antworten. Man beschäftigt sich in der Humangenetik damit, den einen Punkt zu finden, an dem alles dranhängt. Das hat mich besonders zu Beginn an dem Feld interessiert. Genetische Erkrankungen sind ja häufig wie der Klimawandel sehr komplex und hängen mit vielen Systemen zusammen. Sie betreffen meist nicht nur ein bestimmtes Organ, sondern sind umfassend und ganzheitlich. Das finde ich hochinteressant. Genetik hat mit allem in unserem Körper und darüber hinaus zu tun, sie wirkt sich auch auf unsere Psyche und unser Zusammenleben mit anderen Menschen aus. Wenn wir von den klassischen Erbkrankheiten ausgehen, dann haben wir in der Regel einen entscheidenden Punkt, der zu der Krankheit geführt hat – zum Beispiel wenn sich bei einer Punktmutation eine Guanin-Base in ein Cytosin verändert hat. Diesen Punkt kann ich bestimmen und sichtbar machen, das finde ich faszinierend. 

Mit dieser Faszination hat es angefangen, aber es gibt einen zweiten Grund dafür, warum ich bei der Humangenetik geblieben bin. In der genetischen Beratung haben wir vergleichsweise viel Zeit pro Termin. Eine Beratung dauert in der Regel eine Stunde und man hat dadurch genügend Raum, sich auf die ratsuchende Person wirklich einzulassen und auf beiden Seiten echtes Verständnis aufzubauen. Das empfinde ich als Luxus und das schätze ich sehr. Diese Sorgfalt brauchen wir auch in der Klimakommunikation.

Fotos: Studiendekanat Medizin / Melanie Schrumpf 

Autor/in: Katrin Albaum
Kategorie/n: Studium und Lehre, Medizinstudium
Gruppenfoto der Teilnehmenden des Wahlfachs „Nachhaltigkeit in der Medizin“. Zoom
Dr. Barbara Leube und Teilnehmende des Wahlfachs „Nachhaltigkeit in der Medizin“. Zoom
Das Klimapuzzle im Wahlfach „Nachhaltigkeit in der Medizin“. Zoom
Dr. Barbara Leube und die Teilnehmenden des Wahlfachs „Nachhaltigkeit in der Medizin“. Zoom