Geduldig, engagiert, begeisternd: So beschreiben die Studierenden Prof. Dr. Max Anstötz in ihrer Nominierung. Beim Tag der Lehre am 23. Juni 2026 erhielt der Stellvertretende Direktor des Instituts für Anatomie II den Heine-Lehrpreis. Wir haben mit ihm über seine Lehre, seine Forschung und seine Podcasts gesprochen.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie von Ihrer Nominierung für den Lehrpreis der HHU erfahren haben?
Das empfinde ich als ein ehrliches und positives Feedback. Anscheinend hat es den Studierenden so gut gefallen, dass sie diese Extrameile gehen. Das ist eine Art von Zurückgeben und das tut man am ehesten dann, wenn die Lehre irgendwas bewirkt hat, was mein Wunsch ist. Insofern ist es mir viel wert, so ein Feedback zu bekommen, und motiviert mich.
Was ist Ihnen allgemein in Ihrer Lehre wichtig?
Mir ist eine flache Hierarchie wichtig, vor allem hinsichtlich der Sprache. Ich möchte keine Distanz aufbauen, beispielsweise durch die Verwendung von Fachtermini, sondern ich versuche Passion zu vermitteln, indem ich unter anderem meine eigenen Erfahrungen einfließen lasse. Ich bin zum Beispiel selbst einmal in der Anatomieprüfung durchgefallen, weil ich damals einfach falsch gelernt habe.
Mir ist sehr bewusst, dass die Anforderungen an Studierende heute anders und vielschichtiger sind als sie während meiner Studienzeit waren. Das Leben ist teurer geworden, viele müssen nebenbei jobben oder sie haben andere Verpflichtungen oder Probleme. Da ist es mein Anliegen, mit gut vorbereiteten Lehrmaterialien Flexibilität zu schaffen und beispielsweise Lehrveranstaltungen zu streamen oder Podcasts bereitzustellen. Mir ist es wichtig, dass die Studierenden auf mich zukommen können, wenn es etwas gibt, was ich besser machen kann, um ihnen die Inhalte zu vermitteln.
Worüber sprechen Sie im Podcast?
Ich betreibe zwei Podcasts, „anatophil – zärtlich zerlegt“ und „anatophil – basics“. In den Podcasts zu den Basics fasse ich Organsysteme in etwa fünf Minuten zusammen. Und in „zärtlich zerlegt“ spreche ich mit einem Studenten, Elian Kivi, über Organsysteme. Wir tauschen uns zum Beispiel über unsere Erfahrungen aus oder über die Krankheitsbilder, die wir schon gesehen haben, und lassen dann die Anatomie hier und da sanft einfließen. Wir planen den genauen Gesprächsverlauf vorher nicht, das sind immer entspannte Unterhaltungen mit Fokus auf die Leber, das Herz, die Niere oder ein anderes Organsystem. Das Ziel dahinter ist, dass man vielleicht im Zug sitzt oder auf dem Weg nach Hause im Auto ist und sich dann berieseln lassen kann sowie ein bisschen Anatomie mitnimmt.
Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
Mein Hauptforschungsgebiet ist der Hippocampus – also die Gehirnregion, die wichtig für unser Lerngedächtnis ist. Der Hippocampus arbeitet häufig über Assoziationen und geht ähnlich wie Sherlock Holmes vor: Er findet immer mehr Hinweise, um dann die richtige Lösung zu erhalten. Das grundsätzliche Wissen muss ich mir aneignen, indem ich es im Buch lese und lerne. Aber Assoziationen helfen einem, sich zu erinnern. Mit den Podcasts und mit Erfahrungsberichten in meiner Lehre möchte ich Assoziationen schaffen und ihnen mehr Volumen geben.
In Bezug auf die Anatomie heißt es oft, man müsse Anatomie auswendig lernen. Das ist auch nicht ganz falsch, es dauert nur deutlich länger. Wenn ich aber verstehe, warum etwas so ist, wie es ist, kann ich es mir viel einfacher merken. Alles im Körper hat eine Funktion und einen Sinn. Es ist einfach so wild und cool, wie sich die Biologie des Körpers über die Jahrtausende optimiert hat.
Wie lernt man denn am besten, damit der Hippocampus die Inhalte gut aufnimmt?
Erstens sollte man mit den Grundlagen anfangen. Man kann keinen Hürdenlauf absolvieren, wenn man nicht laufen kann. Zweitens kann unser Hippocampus Informationen besser verarbeiten, je mehr Sinne wir nutzen. Wir sollten also multimodal lernen. Hinsichtlich der Anatomie kann man zum Beispiel selbst eine Skizze zeichnen oder eben einen Podcast anhören. Drittens ist Wiederholung wichtig, um sich etwas dauerhaft zu merken. Unser Hippocampus, unser Gedächtnissystem und generell die Verbindungen zwischen Nervenzellen funktionieren wie ein Muskel: Je häufiger und stärker sie genutzt werden, desto mehr wachsen sie. Diese Wiederholung kann aber, wie bereits beschrieben, einen anderen Sinneseindruck nutzen, denn dann fällt sie leichter und fühlt sich weniger langweilig an.
Wie sind Sie zur Anatomie gekommen?
Eigentlich wollte ich als Student auf keinen Fall in die Anatomie gehen. Hätte mir das im Studium jemand gesagt, dass ich später in dieser Fachrichtung arbeite, hätte ich ihn ausgelacht.
Ich habe in Aachen Medizin studiert und mich schon immer für das Gehirn und Hirnforschung interessiert. Nach meinem Studium wollte ich weiter forschen und habe dann eine spannende Stelle in Hamburg in der Anatomie bekommen, bei der ich auch in der Hirnforschung tätig sein konnte. So kam ich zur anatomischen Lehre, die mir immer mehr Spaß gemacht hat und bei der ich meine zuvor erworbenen klinischen Erfahrungen einbringen konnte. Diese Kombination aus Forschung und der damit verbundenen anatomischen Lehre ist für mich ideal. Durch meine eigene Lehre habe ich auch verstanden, was ich damals falsch gemacht habe und wie es besser geht.
Was ist Ihnen in Ihrer Forschung wichtig?
Mein Forschungsgebiet gehört zur Grundlagenforschung. Ich möchte verstehen, wie die Dinge funktionieren. Was funktioniert nicht mehr im Körper, wenn jemand krank ist? Mein Hauptaugenmerk ist es zu verstehen, wie sich das Gehirn eigentlich richtig entwickelt und was zum Beispiel in der Hirnentwicklung missglückt ist, wenn ein Kind eine Krankheit wie Epilepsie hat. Oder wenn ältere Patient:innen Alzheimer haben und viele Nervenzellen kaputt gegangen sind, kann es hilfreich sein zu wissen, wie der Körper eigentlich Nervenzellen aufbaut. Damit man die geschädigten Nervenzellen letztendlich eines Tages reparieren kann.
Forschung bedeutet für mich, dass man weiter Kind sein kann: Man geht vielen Fragestellungen mit Neugier nach und probiert manchmal einfach etwas aus. Nur dass das Werkzeug, mit dem man dies macht, keine Bausteine mehr sind.
Was würden Sie sagen, macht einen guten Arzt aus?
Das ist sehr mannigfaltig und situationsabhängig. Grundsätzlich wichtig sind Flexibilität, Empathie und Neugierde.
Wenn es einer Patientin oder einem Patienten schlecht geht, ist es gut, wenn man neugierig ist und herausfinden will, was los ist. Andererseits sollte dies gekoppelt mit Empathie sein, denn wenn sich Patient:innen zum Beispiel gegen eine Behandlung entscheiden, muss man seine Neugierde zurückstecken und das Wohl und den Wunsch der Patientin oder des Patienten in den Fokus stellen.
Was empfehlen Sie Studierenden, die noch nicht entschieden haben, in welche Fachrichtung sie gehen wollen?
Man sollte sich nicht zu früh festlegen. So wie ich als Student, als ich gesagt habe, ich gehe auf keinen Fall in die Anatomie. Auch bei anderen Fächern habe ich gedacht, die will ich auf keinen Fall machen. Als ich sie dann aber erlebt habe, habe ich gemerkt, wie toll und vielfältig sie sind. Hinter vielen Dingen steckt deutlich mehr, als man zunächst sieht. Wenn mich Studierende im Präpkurs fragen, was sie im Praktikum machen sollen, sage ich immer: Wenn ihr die Zeit und die Ressourcen habt, macht ein Fach, bei dem ihr denkt, da würdet ihr auf gar keinen Fall reingehen. Und ein Fach, von dem ihr sagen würdet, da würdet ihr auf jeden Fall rein wollen. Dann baut ihr euch ein Spielfeld auf, auf dem ihr euch bewegen könnt. Das Spielfeld verschiebt sich dann meist ein bisschen, wenn man merkt, was alles in einem Fach hinter der Arbeit steckt.
Haben Sie einen Lieblingsort auf dem Campus?
Ich habe zwei Lieblingsorte. Ich gehe gerne mit meiner Hündin Mila in Richtung des Botanischen Gartens spazieren. Dahinter liegt der Brückerbach, da dürfen Hunde ohne Leine ins Wasser springen und spielen. Das ist vor allem jetzt im Sommer toll.
Und vor unserem Institut ist eine Wiese, wo Mila wild herumrennen sowie Bälle fangen kann und wir Spaß haben. Manchmal nimmt sie auch ihren Plüschhai im Maul mit und geht damit ganz stolz über den Campus.
Fotos: Studiendekanat Medzin der HHU / Melanie Schrumpf